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Mit der aktuellen Version 0.84 ist Flet auf den letzten Metern zu Version 1.0, denn alles ab Version 0.80 gilt bereits als Flet 1.0 Release-Candidate. Diese Beitrag befasst sich mit dem aktuellen Zustand des Python GUI Frameworks und wie weit sich Flet zum Cross-Platform Development eignet.

Flet: Production Ready? Der Deep-Dive für Python-Entwickler

Du kennst das sicher: Du hast ein Python-Skript geschrieben, das wahre Wunder vollbringt, aber sobald es jemand anderes benutzen soll, fangen die Probleme an: “Wie installiere ich die Dependencies?” oder  “Warum sieht das Fenster auf meinem Mac so komisch aus?”.

Hier kommt Flet ins Spiel.

Aber ist Flet nur ein cooles Spielzeug für Prototypen oder bereit für den harten Einsatz in der echten Welt? Finden wir es heraus.

Was ist Flet eigentlich?

Wenn du bisher Web-Apps mit Python gebaut hast, kennst du wahrscheinlich Frameworks wie Django oder Flask  für das Backend, kombiniert mit HTML/CSS/JS für das Frontend. Oder vielleicht hast du Streamlit für Daten-Dashboards genutzt.

Flet geht einen radikal anderen Weg.

Es ist ein Framework, das es dir ermöglicht, interaktive Mehrbenutzer-Anwendungen für Web, Desktop und Mobile komplett in Python zu bauen. Das Besondere: Du musst kein HTML oder JavaScript lernen.

Flet im Detail:

  • Die Flutter Engine:
    Unter der Haube nutzt Flet Flutter, das mächtige UI-Toolkit von Google. Flet fungiert als Bridge und übersetzt deinen Python-Code in hochwertige Flutter-Controls.
  • Das Programmiermodell:
    Flet arbeitet mit einem sogenannten “Control-Tree”. Du erstellst Buttons, Textfelder oder Diagramme als Python-Objekte und fügst sie über den Tree deiner Seite hinzu.
  • Echtzeit-Kommunikation:
    Flet kümmert sich automatisch um die Verbindung zwischen Python und der Benutzeroberfläche. Ein Klick im Browser löst direkt ein Event in deinem Python-Code aus – ohne dass du APIs manuell bauen musst.

Im Prinzip programmierst Du die Flet GUI in reinem Python. Das darunter liegende Flutter-Framework tritt komplett in den Hintergrund. Es gibt in Flet keine Layout Struktur-Befehle wie HTML und kein umständliches Verdrahten extern generiertem UI-Code.

Hier ein Beispiel für eine einfache Flet App:

Was hier passiert:

  • page.vertical_alignment: Damit zentrieren wir den Inhalt vertikal im Fenster, damit es direkt schick aussieht.

  • ft.Row: Ich habe den Text und den Button in Reihen (Row) gepackt, damit wir sie mit alignment=ft.MainAxisAlignment.CENTER auch horizontal zentrieren können.

  • Interaktion: Sobald du auf den Button klickst, ändert sich der Textinhalt und die Farbe. Das page.update() sorgt dafür, dass Flet die Ansicht im Browser oder im Fenster sofort neu zeichnet.

Python & Flet: Hello World

Der Status Quo: Was Flet heute schon kann

Flet ist längst aus den Kinderschuhen heraus. Wenn wir über „Production Ready“ reden, müssen wir uns die handfesten Vorteile anschauen:

  • Echte Multi-Plattform-Magie:
    Du schreibst den Code einmal und hast i.d.R. ohne Zusatzaufwand eine Web-App, eine Desktop-Anwendung (Windows, macOS, Linux) und sogar mobile Apps für iOS und Android.
  • UI ohne Kopfschmerzen:
    Da Flet auf Flutter-Controls setzt, sieht alles von Haus aus modern aus. Material Design, Cupertino-Styles und responsive Layouts sind werden bereits mitgeliefert.
  • Hot-Reload:
    Du siehst Layout- und Code-Änderungen in Echtzeit in der laufenden App. Das erlaubt sehr schnelles Entwickeln ohne teure Wartezeiten für Test-Runs.
  • Python WebApps:
    Über flet run --web lässt sich eine Flet Desktop- oder Mobile-App im Browser starten.
  • Einfaches Deployment:
    Mit Befehlen wie flet build kannst du deine App heute deutlich professioneller paketieren als noch vor einem Jahr.

Flet Python GUI

Desktop App mit Python und Flet

Flet: Wo es noch hakt

Flet ist fantastisch, aber es gibt Bereiche, in denen du noch Abstriche machen musst:

  • Das Paket-Ökosystem:
    Du bist im Flet-Universum gefangen. Wenn es ein spezielles Flutter-Widget gibt, das vom Flet-Team noch nicht implementiert wurde, kannst du es nicht einfach per Copy-Paste einbinden.
    Da es ab Version 0.80 viele breaking Changes gab, blieben leider viele Community-Pakete auf der Strecke. D.h. viele Extensions vor Version 0.80 laufen nach diesem Cut nicht mehr.
  • Performance-Limits:
    Bei datenintensiven Anwendungen mit extrem vielen gleichzeitig gerenderten Elementen kann die Kommunikation zwischen Python und der Engine zum “Flaschenhals” werden.
    Hier müssen oft Workarounds programmiert werden, damit die GUI responsive bleibt. Das ist manchmal schwierig, aber immer machbar.
  • Fehlende Desktop-Optimierung:
    Desktop Apps bauen funktioniert in Flet wunderbar, jedoch sieht das Ergebnis ohne optimierte Styles wie eine hochskalierte mobile App aus.
    Hier ist momentan noch Handarbeit angesagt. Danach kann sich das Ergebnis jedoch sehen lassen.
  • Das AppStore-Problem:
    Mit flet build macos compilierte Desktop-Apps haben aktuell leider eine Struktur, welche nicht für den Apple AppStore zugelassen wird.
    Das Signieren und Notarisieren vom macOS Apps erfordert aktuell noch externe Lösungen, wie z.B. mein macOS CodeSign Script für Flet Desktop Apps.
    Für iOS und Android sieht es besser aus, jedoch gibt es Einschränkungen bei den verwendeten Python Libs.
  • Das WebView-Problem:
    Die verwendete Flutter-WebView läuft unter macOS und Linux, jedoch nicht unter Windows. Solltest Du also eine Cross-Platform App planen, die das WebView Control verwendet, ist das für Windows ein K.O.-Kriterium.
  • Python binary Dependencies:
    Speziell auf den Plattformen iOS, Android und Web gibt es Einschränkungen für Python-Packages mit binary Depencencies. Die Liste der unterstützten Pakete ist jedoch schon lang und wächst weiter.
  • SEO (Search Engine Optimization) bei Web Apps:
    Wenn du eine WebApp planst, die bei Google ganz oben ranken soll, ist Flet, wie fast alle Single-Page-Application-Frameworks, nicht die erste Wahl.

Lass Dich nicht durch die lange Liste der Nachteile verunsichern. Alle diese Punkte sind kalkulierbar und nur eine Frage der Zeit, bis sie gelöst werden. Die o.g. Vorteile überwiegen klar.

Wann solltest du Flet für die Produktion nutzen?

“Ja, unbedingt!” für:

  • Interne Tools:
    Dashboards, Admin-Panels oder Automatisierungstools für dein Team. Hier glänzt Flet durch enorme Entwicklungsgeschwindigkeit.
  • Prototypen & MVPs:
    Wenn du eine Geschäftsidee schnell am Markt validieren willst, ist Flet unschlagbar schnell.
  • Desktop-Apps:
    Tools, die lokal auf Rechnern laufen und eine saubere GUI brauchen.

Flet skaliert inzwischen durchaus auch für große Projekte.

Wenn Du das an Flutter angelehnte Design-Prinzip verstanden hast und Dir schon von Beginn an reusable User-Controls selbst baust, kannst Du in Flet anschliessend extrem schnell programmieren.
Selbst Frameworks wie Avalonia und Blazor können hier nicht mithalten.

“Lieber noch warten” für:

  • Apps für Appstores
  • Lösungen bei denen die Performance im Mittelpunkt steht.
  • Apps die extrem große Datenmengen verarbeiten.
  • Windows-Apps, welche ein WebView benötigen

Mein Fazit

Ist Flet production-ready?

Für 80% der typischen Business-Anwendungen: Ein klares Ja.

Die Stabilität hat massiv zugenommen und die Community wächst täglich. Wer Python liebt und keine Lust auf das Frontend-Chaos aus React, Vue oder CSS-Frameworks hat, findet in Flet einen extrem mächtigen Verbündeten.

Es ist kein Spielzeug mehr – es ist eine Abkürzung zum fertigen Produkt.

Was denkst du?
Hast du schon ein Projekt mit Flet umgesetzt oder planst du gerade den ersten Versuch? Lass es mich in den Kommentaren wissen!

 

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